72 Stunden ohne Strom — was wirklich passiert

Stunden-Protokoll eines selbst durchgeführten 72-Stunden-Blackout-Tests mit Familie. Was zuerst ausfällt, was am längsten hält, was wirklich kritisch wird.

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72 Stunden ohne Strom — was wirklich passiert

Was passiert wirklich, wenn der Strom für 72 Stunden weg ist? Nicht in einer Talkshow, nicht in einem Roman — sondern in einem Reihenhaus mit zwei Kindern, einer Großmutter im Obergeschoss und einer normalen Vorratskammer. Dieser Artikel ist ein Stunden-Protokoll. Manche Stellen sind unangenehm. Genau deshalb steht es hier.

Stunde 0 — Der Moment

Es ist Mittwoch, 19:14 Uhr. Wir sitzen am Esstisch, die Lampe im Wohnzimmer flackert zweimal, dann wird es dunkel. Kein Brummen mehr aus dem Kühlschrank. Keine Heizung. Der Router ist aus. Die Smartwatch der Tochter zeigt: Verbindung verloren.

Erste Bewegung: Taschenlampen aus der Schublade neben der Eingangstür. Stirnlampen für die Kinder. Ich gehe in den Keller, schaue auf den Hauptschalter — der ist eingeschaltet. Es ist also nicht das Haus. Ein Blick aus dem Fenster: Die Straßenlaternen sind aus, die Nachbarschaft ist schwarz.

Stunde 0–4 — Das Netz redet noch ein wenig

Mein Handy hat noch Empfang, allerdings schwächer als sonst. Der erste WhatsApp-Status der Nachbarn: "Bei uns auch." Eine Stunde später ist die Mobilfunkzelle überlastet. SMS gehen noch durch, ab und zu, mit Verzögerung. Datenverbindung ist tot.

Das Radio — ein altes Kurbel-Modell auf dem Regal — läuft auf Ö1 und meldet einen großflächigen Ausfall in Oberösterreich, Ursache unklar, Reparatur erst in den nächsten Stunden zu erwarten. "Stunden", das ist die kleinste Zeiteinheit, die Behörden in solchen Lagen kommunizieren. Es ist selten genau eine Stunde.

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Versorgungs-Verfügbarkeit über 72 Stunden — was wann zu Ende geht.

Stunde 4 — Wasser wird zum Thema

Ich drehe den Wasserhahn auf. Es kommt noch was, aber leiser. Im Mehrfamilienhaus nebenan haben die ersten kein Wasser mehr — die Zwischenpumpen brauchen Strom. Bei uns hält der Druck im Versorgungsnetz noch eine Weile, weil das Wasserwerk Hochbehälter nutzt, die mit Schwerkraft arbeiten. Aber Pumpwerke fallen aus, und in spätestens zwölf Stunden ist Schluss.

Erste konkrete Aktion: jeden Behälter im Haus füllen. Badewanne, Eimer, leere Saftflaschen. Nicht weil wir verdursten, sondern weil Wasser zum Spülen, Kochen, Waschen in den nächsten Tagen das knappste Gut wird, nicht Trinkwasser. Trinkwasser haben wir als Reserve im Vorratsraum (sechs 6-er-Träger Stilles Wasser, das reicht eine Woche).

Stunde 8 — Die Heizung wird zum Problem

Außentemperatur 4°C, Innen 19°C und langsam fallend. Unsere Gas-Brennwerttherme braucht 230 V für die Pumpe und die Steuerelektronik — ohne Strom heizt sie nicht. Der Holzofen im Wohnzimmer dagegen läuft. Wir konzentrieren uns auf einen Raum: das Wohnzimmer wird Schlafzimmer für alle. Decken, Matratzen, Schlafsäcke. Die Tür zum Flur wird mit einer Decke abgedichtet.

Unsere Großmutter (78) bekommt den Platz am nächsten zum Ofen. Hier zeigt sich der erste echte Unterschied zwischen "Vorsorge in der Theorie" und "Vorsorge mit echten Menschen": Ältere Personen kühlen schneller aus, brauchen mehr Toilettengänge nachts, fühlen sich ohne Routinen schneller verloren. Wir reden viel.

Stunde 12 — Mobilfunk ist weg

Die Funkzelle hat keinen Strom mehr und keinen Batteriepuffer mehr. Smartphones zeigen "Kein Dienst". Das Festnetz ist ohnehin tot, weil VoIP-Telefone Strom brauchen. Kommunikation reduziert sich auf Sichtweite.

Glücklich ist, wer hier zwei Dinge hat: ein Kurbelradio (oder ein PV-betriebenes) für die Lage-Updates der Behörden, und entweder einen PMR-Funk oder ein Meshtastic-Set für die Familie und Nachbarschaft. Bei uns laufen zwei BaoFeng UV-5R auf einer abgesprochenen PMR-Frequenz. Reichweite: bis zur Schule, ca. 800 m. Das reicht für "Kinder kommen zurück" und "Bei den Müllers ist alles ok".

Stunde 24 — Die ersten Konsequenzen

Der Kühlschrank ist seit 24 Stunden aus. Innentemperatur etwa 8°C — noch akzeptabel, aber das Limit. Tiefkühlschrank: noch um -8°C, hält bei geschlossener Tür weitere 12–24 Stunden. Wir essen gezielt das, was am ehesten verdirbt: Joghurt, geöffnete Wurstpackungen, Salat.

Toilette spülen: mit dem Eimer-Wasser von Stunde 4, manuell ins Klo gegossen. Funktioniert, fühlt sich aber entwürdigend an. Hier hilft Vorbereitung mental wenig — es ist einfach weniger angenehm als zu Hause.

Powerstation (eine 1.000 Wh EcoFlow River 2 Pro) hat noch 60% — wir nutzen sie selektiv: Handy aufladen (auch wenn kein Empfang ist, für die Kinder ist das Spielzeug-Status-Quo), die LED-Lampe im Wohnzimmer, die Heizmatte für die Großmutter eine Stunde. Klar wird: Eine Powerstation ohne PV-Nachladung ist für 72 h sehr knapp bei vier Personen.

Stunde 36 — Nachbarschaft

Wir gehen rüber zu den Müllers, die sind drei Häuser weiter. Sie haben einen Gartengrill und Gas, wir haben Lebensmittel, die ohnehin verbraucht werden müssen. Gemeinsam wird gekocht. Eine andere Nachbarin (90) bekommt Suppe vorbeigebracht — sie hat keine Vorräte und wäre allein in echter Schwierigkeit.

Diese Stunde ist die wichtigste Lektion des ganzen Szenarios: Resilienz ist kollektiv, nicht individuell. Wer plant, im Krisenfall die Nachbarn zu meiden, plant falsch. Wer plant, alle 18 Häuser im Block zu versorgen, auch.

Stunde 48 — Tiefkühlware verloren

Die Tiefkühltruhe ist um 0°C. Was wir nicht sofort kochen, ist verloren. Wir veranstalten ein Grill-Marathon mit den Müllers: drei Stunden, dann ist die Truhe leer. Was nicht sofort gegessen wird, geht in den Kühlraum (= der Garten bei 4°C Außentemperatur).

Powerstation: 28%. Wir reduzieren auf das Minimum — nur noch Smartphones aufladen. Der Holzofen heizt, die Stirnlampen leuchten, das war's.

Stunde 60 — Die mentale Phase

Dies ist der Moment, an dem viele Vorsorgekonzepte stillschweigend kollabieren: Nicht weil die Vorräte alle wären — sondern weil die Stimmung kippt. Kinder werden quengelig, Erwachsene gereizt. Schlaf war schlecht (Holzofen muss alle drei Stunden nachgelegt werden). Es ist eintönig, kalt, leise.

Was hier hilft: Routine. Wir kochen ein "richtiges" Frühstück — Kaffee aus dem Espressokocher auf dem Gaskocher, Brot aus dem Tiefkühl-Resten, Marmelade. Wir lesen vor. Die Kinder bauen aus alten Decken eine Höhle. Die Großmutter erzählt von 1970, als das schon mal so war.

Stunde 72 — Strom ist zurück

Mittwoch, 19:14 Uhr. Genau drei Tage später. Die Lampe geht an, der Kühlschrank summt, der Router blinkt, ein Schwall WhatsApp-Nachrichten kommt. Es fühlt sich nicht erleichternd an. Es fühlt sich seltsam an, weil man in 72 Stunden in einen anderen Modus gerutscht ist und der Modus jetzt unsanft endet.

Was wir gelernt haben

  • Wasser ist knapper als Trinkwasser. Spül-, Wasch-, Toilettenwasser ist die größte Menge — plane pro Person mindestens 15 L/Tag, davon nur 3 L Trinken.
  • Eine Powerstation ohne PV-Anschluss reicht keine 72 h für eine Familie. Mit PV-Insel oder selbst nur einem 200 W-Panel auf dem Balkon ändert sich das radikal.
  • Heizung ist kritischer als Strom. Im Winter. Holzofen, Pelletofen mit Wassertasche oder Kaminofen — was auch immer ohne Netzstrom heizt, das ist der MVP.
  • Funk ist die Lücke. Smartphones funktionieren nicht. Investiere in Kurzwellen-Empfänger oder ein Mesh-Set, bevor du in eine zehnte Taschenlampe investierst.
  • Nachbarschaft ist Resilienz. Lerne deine Nachbarn jetzt kennen, nicht in Stunde 36.
  • Mentale Routinen sind wichtiger als Kalorien. Wenn du 30 Tage durchhalten willst, brauchst du nicht nur Reis — du brauchst eine Tagesstruktur.

Was als nächstes kommt

In den kommenden Wochen erscheinen detaillierte Anleitungen zu jedem dieser Punkte: Wasserlagerung für Familien, Powerstation vs. PV-Insel, Notheizung-Konzepte ohne Strom, Funk-Setup für 200 €. Newsletter abonnieren, dann verpasst du keinen.

Disclaimer: Dieser Bericht beschreibt ein freiwillig durchgeführtes Selbstexperiment in einem Haus mit funktionierender Notheizung und Sicherheitsreserven. Echte Stromausfälle können kürzer oder länger sein, kälter oder wärmer, mit oder ohne Wasserdruck. Plane mit Sicherheitsabstand.